Interview mit einem... Künstler

Nicole Schwerdtfeger

in Interview mit einem... Künstler 08.08.2011 12:43
von Athena | 3.466 Beiträge

Nicole Schwerdtfeger



Kontakt: nicolesalut@freenet.de
Homepage: http://nicolaart.de/

Vita / Impressum:

Nicole Schwerdtfeger
Am Kaiserhof 14 , 40699 Erkrath
05.06.1966 Geboren in Celle
1971-1995 Leben in Wolfsburg
1983-1984 Praktikumsjahr im Kindergarten
(kreatives Arbeiten mit Kindern)
1984-1985 Fachschule für Floristik in Gifhorn
( Komposition, Farbenlehre, Formgebung )
1985-2006 Floristin im Blumenfachgeschäft und Kunstgewerbe
1995 Umzug nach Düsseldorf
1999 Beginn der Malerei
2001 Kunstakademie-Essen
Freies Malen bei Klaus Hofmann
2001-2004 Landschaftsmalen ( Provence, Toscana, Bretagne )
2004-2008 Diplom für Freie Malerei im Novalis Hochschulverein
Freie Akademie für Malerei-Düsseldorf FAfM bei Jens Kilian
seit 2006 Freischaffende Malerin
seit 2008 Gastdozentin in:
Düsseldorf;
Kamp- Lintfort;
Zutphen(Niederlande)
Landshut (Niederbayern)
2009 Atelier im "Alten Hauptbahnhof"
Bahnstr.1a ,40699 Erkrath
seit 2009 Ganztagsschule Max-Halbe-Str. Düsseldorf
AG Kunst und Malen mit Kindern
seit 2010 Workshops und Kurse
für Kinder und Erwachsene im Atelier Hauptbahnhof

Ein Interview, geführt von Hans Jutzi mit Frau Nicole Schwerdtfeger, für die Veröffentlichung in der „Aquarellgasse.de“,
Rubrik: „Interview mit einem Künstler“.


Liebe Frau Schwerdtfeger,
Sie haben Sich freundlicherweise bereit erklärt, mir ein Interview zu gewähren für das Forum der „Aquaurell-Gasse“. Ganz herzlichen dank gleich zu beginn! Zu den 10 Fragen, die ich Ihnen gestellt habe, haben wir zusammen ein mehr als einstündiges Telefongespräch geführt. Sie haben meine schriftlichen Notizen eingesehen, einiges abgeändert und ergänzt. Vielen Dank!
Jetzt wünsche ich allen Lesern viel Gewinn aus diesem interessanten Gespräch.


1) Als Einstieg zitiere ich eine Aussage, die ich von Ihnen gelesen habe: „Ein Bild ist nicht das wichtigste Ergebnis, der Hunger muss bleiben“. Können Sie uns kurz erläutern, was Sie damit meinen?
Wenn wir beim Vergleich mit dem Essen bleiben, ist für mich das Interesse an der Zubereitung und die Neugierde auf das was in der Küche kreiert wird wichtiger, als das Essen selber. Der Hunger ist die treibende Kraft. Die Neugierde, der Weg zum Bild, der Prozess ist wichtig. Ich bin nie fertig. Ein Bild ist immer eine Momentaufnahme. Es gibt ein Vorher und ein Nachher. Was mich interessiert ist nicht das fertige Bild, bei dem man sich wie bei einer Wanderung am Ziel hinsetzen und ausruhen kann. Für mein Malen könnte man das Sprichwort gebrauchen: Der Weg ist das Ziel und mein Ziel ist gute Malerei zu erleben.

2) Das ist für mich eine ganz neue Sichtweise. Darüber wollen gerne noch mehr hören von Ihnen.
Aber zuerst noch einen Sprung zurück: Wie kamen Sie zur Malerei?

Geprägt durch den kreativen Ausdruck in der Familie von Fotografie und Bildhauerei, begann der Anstoss zum Malen 1999 während eines Urlaubs in der Normandie, als ich eine Frau mit ihrer Staffelei in der Natur beobachtete. Kindheitserinnerungen kamen mir in den Sinn und ich verspürte eine große Lust, auch wieder den Pinsel in die Hand zunehmen. Schritt für Schritt veränderte sich mein ganzes Leben.

3) Wie der Name schon sagt, sind wir in der Aquarellgasse vor allem Aquarellisten. Sie dagegen arbeiten mit verschiedenen Malmitteln. Ist für Sie das Mal-Medium vielleicht gar nicht so wichtig?
Doch, die Farbe ist für mich sehr wichtig, aber Ich experimentiere mit meinen Malmitteln gar nicht so sehr, wie sie das vielleicht vermuten. Gouache kommt meiner Arbeitsweise sehr entgegen. 2001 habe ich an der Kunstakademie-Essen bei Klaus Hofmann sowie im Novalis Hochschulverein - Düsseldorf „Freies Malen“ belegt. Ein intensiver Unterricht der Kunstbetrachtung und freier Umsetzung von Farben, Flächen und Linien. Gouachefarben bieten eine breite von Möglichkeiten der Mischtechniken mit Stiften, Collage auf verschiedenen Malgründen. Die matte Oberfläche, sowie die Mischung der Farben auf dem Malgrund, da sie nach dem Trockenprozeß wieder löslich sind, läßt viel Raum zu neuen Farbmischungen. Das gibt mir für die Umsetzung mehr Freiheit als bei meinem anfänglichen Aquarellmalen, wo das Weiß stehen bleiben muss. Beim Skizzieren verwende ich gerne verschiedene Materialien, je nach Ausdrucksform. Gelschreiber, Kreiden, Bleistifte, Kohle, Tusche und Feder.

4) Als ich Ihren Beitrag bei boesner.tv gesehen habe, war mir sofort klar, dass ich mich mit Ihnen nicht über Aquarell-Papier und -Pinsel, auch nicht über Aquarell-Techniken unterhalten möchte. Was mich sehr fasziniert hat, ist Ihre freie und leichte Art des Skizzierens. Die Skizze ist Ihnen sehr wichtig? Ja. Mit der Skizze stimme ich mich auf das Motiv ein. Es ist wie bei einem Musiker, der sich auf seinem Instrument auch zuerst einspielt, gewissermassen aufwärmt.
Oftmals mache ich 1 – 4 Skizzen vom gleichen Motiv. Es ist ein Weg, zum Wesentlichen eines Motivs zu gelangen. Dadurch finde ich auch die hilfreiche Reduktion. Die Skizze ist für mich oft der Weg zum Bild. Es ist eben dieser Prozess, der für mich so wichtig ist.

5) Ich bin auch sehr beeindruckt von Ihren Motiven. Etwa das Bild des Monats Mai 2011 „Kuh im Stall“. Wie finden Sie Ihre Motive? Ganz unterschiedlich. Ich bin oft unterwegs mit dem Skizzenbuch und dem Fotoapparat. Es ist eine Art Jagd auf das ansprechende Motiv. Das Bild „Kuh im Stall“ habe ich zum Beispiel ab einem meiner Fotomotive umgesetzt.

6) Sie reduzieren Ihre Motive stark. Manchmal sind sie fast ganz verfremdet. Aber Ihre Bilder haben immer eine starke Aussage. Es ist, als würde es Ihnen gelingen, den Lebensnerv des Motivs einzufangen. Wie setzten Sie ein Motiv um? Was für ein Prozess läuft in Ihnen ab?
Ich möchte gerne das Erlebte malen. Das ist mehr als die Abbildung. Ich verfremde auch die Landschaft, aber die Reduktion ist doch immer noch diese Landschaft, das was ich an einem bestimmten Ort, in einer spezifischen Situation erlebt habe. Ein erlebter Moment. Das ist doch wohl der Lebensnerv in einem Bild. Malerei erschöpft sich nicht im fertigen Bild. Da gibt es Linien und Flächen, Hell und Dunkel, Farben welche komplementär zueinander stehen. Dadurch lebt und spricht ein Bild. Der Betrachter erlebt eine ganz bestimmte Situation selber mit.
Wer sich vom Motiv lösen kann, findet auf einem neuen Weg wieder zum Motiv!

7) Ich ringe persönlich seit langem darum, freier und lockerer zu werden. Das wäre für das Aquarell sehr wichtig. Wo und wie würden Sie bei mir ansetzten, um mir etwas von Ihrer „Freiheit“ zu vermitteln?
Freiheit hat etwas mit Vertrauen zutun und das steigert die kreative schöpferische Kraft. Meine Kursteilnehmer sind ca 40 – 70 Jährige und sie sind oft auf der Suche nach dieser Freiheit im Ausdruck der Malerei. Skizzieren ist ein guter Weg, das Wesentliche eines Motivs zu finden. Wenn sie Rechtshänder sind, dann zeichnen sie auch mal links. Das verbindet die rechte und linke Gehirnhälfte und kann sehr befreiend wirken.
Auch das Blindzeichnen ist eine gute Übung, um freier zu werden von zu vielen Details. Genau auf das Motiv schauen und der Hand vertrauen und sie nicht immer mit den Augen kontrollieren. Also keine konstruierte Skizze! Dabei den Stift nicht absetzen, in einem Linienfluss aus der Armbewegung heraus Skizzieren. Das Resultat ist oft erstaunlich.
Die WAHRNEHMUNG schulen nicht aus der Vorstellung heraus Skizzieren. Das Wahrhafte ist nicht unbedingt der Realismus, oder !?

8) Ihre Skizzen und Bilder haben immer auch eine packende Komposition. Können Sie uns einige grundsätzlichen Punkte nennen, die aus Ihrer Sicht eine gute Bild-Komposition ausmachen?
Grundsätzlich heisst „Komposition“ etwas in Beziehung zueinander zu stellen. Genau das ist es. Solche Kontraste sind zB : Hell / Dunkel; Gross / Klein; Warm / Kalt. Zusammenstellung von Komplementärfarben; Rhythmen von Kurz / Lang, Eckig / Rund, Dick / Dünn, Ruhe / Bewegung, Haltend / Lösend.
Diese Punkte müssen sich bei uns aber verinnerlichen, man kann sie sich nicht als „Regeln“ immer vor Augen halten. Ich habe immer das ganze Bild (Format) vor Augen und bringe alles in eine Beziehung zueinander. Na, wie im Leben !

9) In Ihren Kursen schaffen Sie mit Kindern und Erwachsenen. Ist es leichter, Ihre Anliegen an Kinder weiter zu geben? Meine Frage geht in die Richtung, ob es überhaupt noch möglich ist, uns Erwachsene aus festgefahrenen Geleisen heraus zu holen?
Bei den Kindern geniesse ich die unkomplizierte Entwicklung ihrer Bilder. Sie haben diesen „vereinfachten Blick“ auf die Dinge und sie machen das einfach! Ich versuche sie in ihrer Prägung zu bestätigen und zu stärken.
Mein Anliegen bei den Erwachsenen ist, das Wesentliche der Malerei und die Wahrnehmung zu vermitteln. Das Schöpferische freizulegen durch Vertrauen.

10) Wenn Sie unter uns Aquarellisten für Ihre Malschule und Ihre Anliegen werben dürften (und das dürfen Sie nun), wie würde Ihr Werbespot lauten? Kommen Sie mit auf den kreativen Weg und lassen sie den Prozess zum Bild als das wesentliche Erlebnis zu!
Ich suche nicht das fertige Bild (das Sattwerden), der Hunger muss bleiben.









Zitat: "Die Dinge sind hier nicht immer das, was sie zu sein scheinen." *grins*

Semper Fi :-)

zuletzt bearbeitet 08.08.2011 12:46 | nach oben springen

RE: Nicole Schwerdtfeger

in Interview mit einem... Künstler 09.08.2011 14:52
von Reldats • ( Gast )
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Hallo, zunächst einmal danke an die Künstlerin und die Interviewerin für die interessanten Fragen und die aufschlußreichen Antworten. Es ist für mich richtig wohltuend auch mal eine ganz andere Sicht auf die
Malerei vermittelt zu bekommen. Dabei stört es überhaupt nicht, wenn das Aquarell nur eine untergeordnete Rolle spielt. Prinzipiell sind ja die Antworten allgemeingültig und jeder Zeit auch auf die Aquarellmalerei
anwendbar. Viele von uns sind ja Autodidakten und haben wenig Berührungspunkte mit dieser Art von Kunst. Und so gehört eine ordentliche Portion Mut dazu, sich malerisch auf solche Wege zu begeben aber
Spaß wird es auf alle Fälle machen. Vielleicht sollte man in unserer Gruppe mal so etwas zum Thema machen? LG Günter

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RE: Nicole Schwerdtfeger

in Interview mit einem... Künstler 09.08.2011 18:30
von Athena | 3.466 Beiträge

Ich möchte mich auch für das Interview bedanken, ich fand die Fragen und Antworten sehr interessant. Gouache gehört ja auch zur Aquarellmalerei dazu, ich habe diese Technik aber bisher noch nicht ausprobieren können. Wäre deshalb interessant zu erfahren, wer in der Gasse schon damit gemalt hat. Das Bild mit dem Cello gefällt mir wirklich super.


Zitat: "Die Dinge sind hier nicht immer das, was sie zu sein scheinen." *grins*

Semper Fi :-)

zuletzt bearbeitet 09.08.2011 18:31 | nach oben springen

RE: Nicole Schwerdtfeger

in Interview mit einem... Künstler 09.08.2011 23:08
von Reldats • ( Gast )
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Hallo Athena, mit Gouache haben wir so ziemlich alle schon gemalt, im Kindergarten oder in der Schule. Die ganz normalen Deckfarben in den Kästen, die fast aussehen wie Aquarellfarben, das ist Gouache. Die gibt es natürlich auch in Tuben und auch von besserer Qualität und höerem Preis. Aber vom Malen her unterscheiden sich die billigen Schul-Deckfarben nicht von den teureren Gouachefarben, ist nur ein Qualitätsunterschied. Sicher hast Du auch schon mit diesen Farben gemalt. Macht Spaß damit zu malen und ist technisch wesendlich leichter, als Aquarell, lassen sie sich doch auf dem Papier oder dem Karton mit Wasser wieder anlösen und somit nicht nur wegwaschen sondern auch nachträglich verarbeiten. Sie sind allerdings nicht so brillant wie Aquarellfarben, dafür kann man sie aber auch dick, also pastos auftragen und das auf fast jeden Untergrund.Ich benutze immer wieder mal Gouache in Kobination mit Aquarell und habe ja in unserer Mischtechnik-
Rubrik auch schon das eine oder andere Bild vorgestellt. LG Günter

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RE: Nicole Schwerdtfeger

in Interview mit einem... Künstler 10.08.2011 09:14
von niwi | 1.325 Beiträge

Hey,

Ich möchte mich auch ganz herzlich für das tolle und informationsreiche Interview bedanken. Und werde bei Gelegenheit auch gleich mal den Tipp mit Links zu malen ausprobieren

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RE: Nicole Schwerdtfeger

in Interview mit einem... Künstler 10.08.2011 09:45
von gudi | 748 Beiträge

Danke fürs Interview.
Durch die Malerei der Künstlerin wurde mir wieder einmal bewusst wie schwer es fällt, Dinge aufs Wesendliche zu reduzieren. Der Perfektionismus und die verbildete Art des Denkens hindern uns daran. Es gelingt nur schwer los zu lassen. Danke, an allen Beteiligten, für die Inspiration.
L.G. Gudi

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